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„Du bist so doof!“ – Geschwisterbeziehungen beobachten, begleiten und wachsen lassen

Geschwisterbeziehungen

Sobald wir als Eltern ein weiteres Kind erwarten, ist unsere Aufmerksamkeit auf die bevorstehende Geschwisterkonstellation gerichtet. Wie bereite ich mein Kind auf die anstehende Veränderung gut vor? Was kann ich dafür tun, dass es keine Eifersuchtsdramen gibt? Wie kann ich die Beziehung der Geschwister fördern, wie dafür sorgen, dass sie sich gut verstehen, dass sie liebevoll miteinander umgehen?

Wir haben nicht selten eigene Erfahrungen im Gepäck, kennen Geschichten von Geschwistern, die sich lieben, hassen, verprügeln oder stetig in Kontakt sind. Wir wollen das eine unbedingt für unsere Kinder, das andere nicht. Und ihnen das weitergeben oder ersparen, was wir vielleicht selbst erlebt haben mit unseren Geschwistern. Aber wie?

Meine Antwort darauf ist immer sehr pragmatisch und einfach: durch Begleitung. Es gibt nur wenig, was wir aktiv tun können, es gibt viel, was wir aktiv lassen können. Aber das Wichtigste, was wir unseren (werdenden) Geschwisterkindern geben können, ist eine verständnisvolle, liebevolle und respektvolle Begleitung.

Wir können Eifersucht nicht verhindern. Im Gegenteil: Sie wird kommen. Sie muss kommen, denn alles andere wäre nahezu unheimlich. Wir können gegenseitige Nähe und Liebe nicht erzwingen und wir können Streit nicht unterbinden oder verhindern. Alles hat mit Gefühlen und mit einer wachsenden Beziehung zu tun. Geschwister können sich nicht aussuchen, wer da den Platz neben ihnen einnimmt, und somit müssen sie sich an diesen anderen Menschen in ihrem Leben gewöhnen, sie müssen sich kennenlernen.

Dabei hilft es gewisse Schritte und Phasen zu kennen und entsprechend zu begleiten.

Von Ablehnung bis zu überschwänglicher Liebe

Am Anfang ist es sinnvoll, nicht allzu viel zu erwarten. Jedes Kind geht anders mit der Schwangerschaft der Mutter um und interessiert sich mehr oder weniger für das Baby im Bauch. Und auch wenn das Baby geboren ist, gibt es zahlreiche Facetten an Reaktionen eines älteren Kindes darauf. Von Ablehnung, Ignoranz bis hin zu überschwänglicher Liebe ist alles dabei. Und alles ist erlaubt. Nichts sollten wir als Prophezeiung für die bevorstehende lebenslange Beziehung dieser Kinder sehen, sondern nur als das, was jetzt ist: Unsicherheit, Freude, Glück, Angst, Trauer, Wut, Liebe, Eifersucht. Die Palette ist bunt und wird in den nächsten Wochen und Monaten ausgeschöpft und gut vermischt werden.

Unsere Aufgabe als Eltern ist es nicht, diese zu bewerten, zu fördern oder zu verwischen, sondern sie anzunehmen und verständnisvoll zu begleiten. Nur ein Kind, das sich in seinen Gefühlen verstanden und aufgefangen fühlt, kann lernen, mit ihnen umzugehen. Und das ist der erste Schritt, um mit der Gesamtsituation umzugehen. Wenn wir einem Kind sagen „Du musst doch lieb sein zu Deinem Geschwisterchen,“ zwingen wir es zu einem Verhalten, zu dem es vielleicht noch nicht bereit ist.

Beobachten, aber nicht allein lassen

Wenn die Kinder älter werden, wird es immer wieder Phasen des Streits oder der innigen Liebe geben. Auch hier ist die Palette breit gefächert, kein Tag muss dem anderen ähneln. Ja, Streit ist normal und oft können wir ihn einfach beobachten und unseren Kindern so die Möglichkeit geben, selbst Lösungen für ihre Konflikte zu finden. Das ist nicht immer leicht, vor allem wenn es laut und heftig wird oder wir die Unfairness des Größeren, des Stärkeren oder des in der Situation Überlegeneren spüren. Aber wir dürfen uns nicht leiten lassen von unseren Gefühlen, die wir dabei empfinden. Die kommen nämlich oft aus unseren eigenen Erfahrungen heraus und müssen gar nicht mit denen unserer Kinder übereinstimmen. Beobachten wir, ob sie eine Lösung allein finden können, betrachten wir, wer wie reagiert und ob jemand wirklich Hilfe braucht!

Unsere Kinder werden ganz sicher sehr unterschiedlich sein, egal welche Ähnlichkeiten sie mit auf die Welt gebracht haben. Die Unterschiede werden zu Streitereien führen, aber auch dazu, dass sie lernen, diese zu lösen. Doch – ganz wichtig – lassen wir sie nicht allein! Beobachtend wachsam und achtsam zu sein ist wichtig, um zu verhindern, dass der Streit gewaltvoll oder gefährlich wird. So, wie wir unsere Kinder nur in einem sicheren Rahmen laufen, radfahren oder spielen lassen, so braucht es auch einen gesicherten Rahmen, in dem sie sich streiten können und wissen, dass wir da sind, ohne vorzeitig einzugreifen, jemanden zu bevorzugen, zu urteilen. Wenn wir Geschwister zu sehr sich selbst überlassen, kann es passieren, dass doch immer der Stärkere, der Größere gewinnt, der Kleinere sich hilflos und im Stich gelassen fühlt.

Akzeptieren wir, dass unsere Kinder verschieden sind!

Besonders gefährlich wird es, wenn wir beginnen, die Geschwister miteinander zu vergleichen. Das geschieht leider schnell und ganz automatisch. Weil sie eben doch so verschieden sind. Aber der Vergleich von Charakteren, Fähigkeiten und Unfähigkeiten, Verhalten und Handlungen ist wie eine Krankheit, die sich unbemerkt in eine Beziehung einschleicht und schwer heilbar ist. Weil sie verletzt, Wunden aufreißt, Narben hinterlässt. Akzeptieren wir, dass unsere Kinder verschieden sind! Schlucken wir Sätze wie „Deine Schwester kann das ganz allein – warum musst Du immer…?“ runter. Sie bewirken niemals das, was wir damit beabsichtigen, sie schlagen nur wie ein Schwert zu und verwunden. Und letztendlich lernen wir auf diese Weise die wunderbare Fähigkeit, Menschen nicht zu schnell zu beurteilen, zu „schubladisieren“ und zu vergleichen. Etwas, was uns auch im Leben außerhalb der Familie sehr bereichern kann.

Es ist nicht immer leicht, Geschwister sein zu lassen. Es kann laut sein. Herausfordernd. Es kann sich für uns schmerzhaft und unfair anhören oder anfühlen. Und wir werden manchmal zergehen vor inniger Liebe zu den Kindern, wenn wir sie im liebevollen Miteinander erleben. Lassen wir alles zu, sind wir da, achtsam und verständnisvoll, dann haben sie alles, was sie brauchen für eine gemeinsam wachsende, ganz individuelle Beziehung. Wenn sich beide von uns gleichermaßen geliebt und verstanden fühlen, dann brauchen wir nicht mehr zu tun als uns zurückzunehmen und zu beobachten, was entsteht. Vermutlich etwas ganz wunderbares und einzigartiges, von uns geschaffen und von ihnen geformt. Für ein ganzes Leben.

Über die Autorin

Nadine Hilmar ist Mutter von drei Kindern und daneben Familienbegleiterin. Sie unterstützt Familien in allen herausfordernden Bereichen und Themen im Alltag, sie leitet Spielräume nach Emmi Pikler und schreibt auf ihrem Blog www.buntraum.at über achtsames, respektvolles und minimalistisches Familienleben. 2015 erschien ihr Buch „Hand in Hand – Geschwisterbeziehungen verstehen und begleiten“, das Eltern durch die Höhen und Tiefen der Beziehungen ihrer Kinder zueinander begleitet.

Das Wichtigste, was wir Geschwisterkindern geben können, ist eine verständnisvolle, liebevolle und respektvolle Begleitung.

Nadine Hilmar
Nadine Hilmar

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